Universal Design for Learning (UDL) im Fachunterricht Geschichte

Vortrag im Rahmen des Workshops “Historisches Lernen im Universal Design for Learning und Mehrebenensystemen”

Vorstellung

Dr. Björn Fisseler

  • Studium der Sonderpädagogik, Referendariat
  • Doktor der Rehabilitationswissenschaften
  • Aktuell
    • FernUniversität in Hagen, Fakultät für Psychologie
    • Spezialist für Bildungstechnologie
  • Forschungs- und Arbeitsthemen
    • Barrierefreiheit und Universal Design
    • Lernende mit gesundheitlichen Beeinträchtigungen
    • Inklusive digitale Bildung
    • Bildungstechnologie und KI
  • Fragen? Gerne per Mail an bjoern.fisseler@fernuni-hagen.de

Porträt Björn Fisseler, ein mittelalter Mann mit grauen Haaren lächtelt in die Kamera, trägt ein Sakko und ein weißes Hemd

Foto: Hardy Welsch

Überblick

  • Historischer Überblick zur Entwicklung des UDL
  • Überblick UDL
  • UDL in Relation zu schulischem Unterricht
  • Verbindungen zwischen Aspekten des Fachunterrichts Geschichte und UDL

Folien

Das Durchschnittsproblem

Innenansicht eines alten Flugzeugcockpits, Blick über die Sitze, Steuerelemente und Instrumente hinweg

Gausssche Normalverteilung, Standardabweichungen sind aufgetragen

Wo befinden sich die Lernenden in dieser Verteilung?

Ein kurzer Abriss des Universal Design

  • Nach dem 2. Weltkrieg
    • Versorgung der Veteranen mit Hilfsmitteln und Assistiven Technologien
    • Ziel: keine Abhängigkeit von Wohlfahrt und Gesundheitsfürsorge, sondern eigenständige Teilhabe an Bildung und Arbeit
  • 1960er Jahre
    • Zunehmende gesetzliche Regelungen und Standardisierung
    • Aufkommen der Behindertenrechtsbewegung; gleiche Rechte für alle
    • Überwindung der Dichotomisierung
  • 1968: Architectural Barriers Act
  • 1973: Section 504 of Rehabilitation Act
  • 1975: Education for Handicapped Children Act, jetzt: Individuals with Disabilities Education Act (IDEA)
  • 1988: Fair Housing Amendments Act
  • 1990: Americans with Disabilities Act
  • 1996: Telecommunications Act
  • 1998: Section 508 of Rehabilitation Act

Universal Design als Reaktion auf gesellschaftliche Entwicklungen

Herausforderungen von Standards

  • Einschränkungen des Gestaltungsspielraums durch feste Vorgabe
  • Dichotomisierung: Wir - Ihr
  • Keine gesellschaftlichen Veränderungen

Universal Design als Versuch einer Antwort

  • Gestaltungsprinzipien eröffnen Gestaltungsspielräume
  • Inklusion: Menschen mit Behinderung als Teil der Gesellschaft
  • Universal Design als gesellschaftliches Dispositiv
    • Demographische Entwicklung
    • Heterogenität, Diversität
    • Globalisierung

Universal Design als inklusiver Gestaltungsansatz

Gängiges Retrofitting

Hölzerne Rampe an der Rückseite eines älteren Gebäudes

Nachträglich an der Rückseite aufgebaute Rampe

Universal Design

Aufgang mit Rampe und Treppen integriert, gemäß Universal Design, aufgenommen in der Abenddämmerung, zwei Personen nutzen die Treppen
Gebäudeaufgang an der UC Berkeley

Universal Design in der Bildung

  • Universal Instructional Design: Silver et al., 1998
  • Universal Design in Education: Bowe, 2000
  • Universal Design for Learning: Rose, Meyer, 2002
  • Universal Design for Instruction: Scott et al., 2003
  • Universal Course Design: Behling, Hart, 2009
  • Universal Design University: Powell, 2012
  • Universally Designed Higher Education: Burgstahler, 2020

Was ist Universal Design for Learning (UDL)?

We shifted our emphasis to address the disabilities of schools rather than students and coined a name for this approach: Universal Design for Learning, or UDL. (A. Meyer et al., 2014)

UDL ist ein Rahmenkonzept zur Verbesserung und Optimierung des Lehrens und Lernens. Lehrende stehen täglich vor der Herausforderung, Unterricht für verschiedene Lernende zu planen. Mit den UDL-Prinzipien ist es möglich, auf diese Variabilität zu reagieren.

  • Nicht das Individuum soll verändert werden, sondern Schule und Unterricht - soziale Modell von Behinderung
  • Greift zurück auf Erkenntnisse der Neurowissenschaften und der Lehr-Lernforschung
  • Nutzung von digitalen Technologien und barrierefreier Materialien
  • Gestaltung von Lernangeboten mit flexiblen Optionen für unterschiedlichste Bedarfe von Lernenden

Ziel des UDL die die Gestaltung von Lernumgebungen, damit alle SuS zu fachkundigen Lernenden werden können!

Das UDL-Rahmenkonzept

Ziel: Handlungsfähigkeit der Lernenden (learner agency)

  • Aktive Lernende wissen, was, warum und wie sie lernen
  • UDL liefert Anregungen zur Gestaltung von flexiblen und effektiven Lernangeboten, die
    • Lernende inspirieren und motivieren (was/what)
    • vielfältige Perspektiven bieten, Sinn stifen und helfen, das eigene Lernen zu gestalten (warum/why)
    • Möglichkeiten zur Zielsetzung bieten und helfen, Lernfortschritte zu überprüfen (wie/how)
  • UDL ist nicht präskriptiv, es ist keine Checkliste oder Formel mit festen Methoden und Werkzeugen

(Quelle: A. Meyer et al., 2024)

UDL verändert sich

  • Veränderungen in der Theorie und Praxis von UDL
    • Offenere Formulierung von Lernzielen: bspw. “Erschaffe eine Erzählung” statt “Schreibe eine Geschichte”
    • Orientierung an der Variabilität von Lernenden statt an den Unterschieden einzelner Lernenden
    • Individum-Umwelt-Interaktionen statt individueller Interaktionen
  • Veränderung der Umgebung von UDL
    • Starke Einbindung in Bundesgesetze in den USA: Higher Education Opportunity Act (HEOA), National Education Technology Plan
    • Stärkere Verbreitung der Idee des UDL über das Internet und weltweite Netzwerke
  • Veränderung von Medien
    • Weniger Print, mehr digitale Materialien

Neurowissenschaftliche Grundlagen des UDL

Drei stilisierte Gehirne nebeneinander, jeweils unterschiedliche Bereiche farbig hervorgehoben, von links nach rechts, affektives Netzwerk, Engagement, Wahrnehmungsnetzwerk, Representation, strategisches Netzwerk, Action and Expression

(A. Meyer et al., 2024)

Ziele

  • Design von Lernangeboten, die für alle Lernenden zugänglich und herausfordernd sind.
  • Alle Lernenden sollen „expert learner“ – fachkundige Lernende werden.

UDL-Prinzipien im Überblick

Das UDL-Rahmenkonzept setzt sich zusammen aus drei Prinzipien, neun Richtlinien und detaillierten Empfehlungen. Es ist aber keine Checkliste.

Tabellarische Darstellung der Prinzipien des Universal Design for Learning

(Quelle: CAST, 2024)

Kernkomponenten zur Gestaltung von UDL-Lernumgebungen

  • Ziele: klare und transparente Ziele formulieren, die auf verschiedenen Wegen erreicht werden können
  • Lernstandskontrollen: flexible Überprüfung des Lernerfolgs, auf die Lernziele ausgerichtet, mit flexiblen Optionen
  • Lernmaterialien: flexible und barrierefreie Lernmaterialien, auswählbar durch die Lernenden, ausgerichtet auf die Lernziele
  • Lehr-Lernmethoden: flexiblel und vielfältig, lernzielorientierte Methoden, welche die SuS informiert auswählen können
  • Lernumgebung: physischer und/oder virtueller Raum, der flexibel nutzbar ist und idealerweise von dehn Lernenden mitgestaltet wird

(A. Meyer et al., 2024, Kapitel 5)

Ist UDL ein didaktisches Modell?

Ein didaktisches Modell gibt idealerweise Antworten auf die Frage, wer, was, wo, wann, wie, warum und womit lernt.

UDL ist eher ein didaktisches Rahmenkonzept, das als eine Art Blaupause über Unterricht und Lehr-Lernangebote gelegt werden kann.

UDL …

  • … macht keine Aussagen über die Auswahl der Bildungsinhalte.
  • … beinhaltet nur implizite Annahmen darüber, wie SuS lernen.
  • … formuliert keine Förderempfehlungen zur Lern- und Entwicklungsplanung.

Aber UDL kann bei der unterrichtlichen Differenzierung helfen, Leistungs- und Beurteilungsmaßstäbe einordnen und als Baustein einer Feedback-Kultur genutzt werden.

UDL - ist das nicht einfach guter Unterricht?

In Anlehnung an Burgstahler: Every universally designed instruction is good teaching, but not all good teaching is universally designed.

Wie passt UDL zu den Qualitätsmerkmalen guten Unterrichts (H. Meyer, 2024)?

  1. Klare Strukturierung → 6.1 Set meaningful goals, 3. Building Knowledge
  2. Hoher Anteil echter Lernzeit → Zugänglichkeit und Nutzbarkeit durch UDL als Gewinn von Lehrzeit
  3. Lernförderliches Klima → ist das Gesamtziel von UDL
  4. Inhaltliche Klarheit → gesamte Prinzip “Multiple Means of Representation”
  5. Sinnstiftendes Kommunizieren → 8.3 Foster collaboration …, 9.2 Awareness of self and others
  6. Methodentiefe und Methodenvielfalt → Prinzipien Engagement sowie Action & Expression
  7. Individuelles Fördern im gemeinsamen Unterricht → 6.5 Challenge exclusionary practices, 8.2 Optimize challenge and support
  8. Intelligentes Üben → 5.3 Graduated support for practice and performance
  9. Transparente Leistungserwartungen und -rückmeldungen → 8.1 - Clarify meaning and goals
  10. Vorbereitete Umgebung - ist das Gesamtziel von UDL

Digitale Werkzeuge und digitale Barrierefreiheit

(Fisseler, 2020)

  • Digitale Werkzeuge für das Lernen gehören zum Kern des UDL!
    • als individuelle Assistive Technologien
    • als inhaltliches Medium und Werkzeug zur Lernbegleitung
  • Sie unterstützen die Umsetzung der verschiedenen UDL-Prinzipien - individuell und für alle Lernenden
  • Gleichzeitig sollten die Lernmaterialien barrierefrei sein
Bildschirmfoto der Webseite des National Center on Accessible Educational Materials

Empirische Befunde zum inklusiven Geschichtsunterricht, Folie 1 von 2

Quelle: (Barsch, 2025)

Empirische Befunde zum inklusiven Geschichtsunterricht, Folie 2 von 2

Praxisorientierte Ressourcen

Emerging America

California History-Social Science Project

Planungshilfen zur Umsetzung des UDL

UDL Lesson Design

UDL-Grid

UDL-Prinzipien fachlich gesehen

Die drei UDL‑Prinzipien lassen sich fachbezogen zuspitzen:

  1. Multiple Means of Engagement („Warum?“)
  2. Multiple Means of Representation („Was?“)
    • Kombination unterschiedlicher Quellengattungen: Text, Bild, Karte, Objekt, Oral History, Audio/Video; sukzessives Vorgehen von konkret → abstrakt.
    • Systematische Redundanz im positiven Sinn: zentrale Inhalte werden in mehreren Modi angeboten, damit Barrieren (Sprache, Lesekompetenz) reduziert werden
  3. Multiple Means of Action & Expression („Wie?“)
    • Alternativen zur klassischen Klassenarbeit: historische Comics, Podcasts, Ausstellungen, inszenierte Debatten, Lernplakate, digitale Storymaps etc.
    • Leistungsbewertung, die prozess- und individuell orientiert∏ ist

UDL ist ein Prozess

  • Reflect: Womit haben die SuS Schwierigkeiten?
  • Identify: Welches Prinzip des UDL kann ich nutzen, um die SuS zu unterstützen?
  • Investigate: Wie kann ich diese Prinzip mit Leben füllen?
  • Teach: Wie passt das Prinzip in mein Veranstaltungskonzept?
  • Re-Assess: Auf welche Weise konnten die SuS Wissen oder Fähigkeiten demonstrieren?
  • Reflect: Inwiefern hat das Prinzip den Lernerfolg der SuS verbessert?

Visualisierung eines sich wiederholenden Prozesses, von oben mittig im Uhrzeigersinn, Reflect, Identify, Investigate, Teach, Re-Assess

Quelle: Nelson (2014)

Zusammenfassung

  1. UDL + inklusive Geschichtsdidaktik = komplementär.
    UDL liefert den Planungsrahmen, die Geschichtsdidaktik die fachlichen Leitplanken (Kompetenzen, Kernkonzepte, Quellenarbeit).
  2. Klein anfangen, systematisch weiterentwickeln.
    Ein einzelnes Thema (z.B. „Migration“) bewusst UDL‑orientiert neu designen und Erfahrungen dokumentieren (diagnostisch) statt Komplettreform.
  3. Inklusion durch fachliche Qualitätsentwicklung.
    Mehrperspektivität, Barrierefreiheit, differenzierte Aufgaben und vielfältige Lernprodukte können die Qualität des Geschichtsunterrichts für alle erhöhen.

Literatur

Barsch, S. (2025). Empirical Findings on Historical Learning in Special Needs Education. In S. Barsch & F. Rein (Hrsg.), Bridging History and Special Education: Interdisciplinary Perspectives on Historical Thinking and Disabilities (S. 67–75). Universitätsverlag Kiel. https://doi.org/10.38072/2703-0784/p62
CAST. (2024). CAST Universal Design for Learning Guidelines Version 3.0. https://udlguidelines.cast.org.
Fisseler, B. (2020). Inklusive Digitalisierung, Universal Design for Learning Und Assistive Technologie. Sonderpädagogische Förderung heute, 65(1), 9–20.
Meyer, A., Rose, D. H., & Gordon, D. (2014). Universal Design for Learning: Theory and Practice. CAST Professional Publishing, an imprint of CAST, Inc.
Meyer, A., Rose, D. H., & Gordon, D. T. (2024). Universal Design for Learning: Principles, Framework, and Practice : Third Edition. CAST Professional Publishing.
Meyer, H. (2024). Was ist guter Unterricht? (16., komplett überarbeitete Neuauflage). Cornelsen.
Nelson, L. L. (2014). Design and Deliver: Planning and Teaching Using Universal Design for Learning. Brookes Publishing Co.